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Rede der Botschafterin zum Tag der Deutschen Einheit 2026

06.10.2026 - Artikel

Nordmazedonien und Deutschland – eine Partnerschaft, die gestaltet, die Bestand hat und die uns als Teil eines starken Europas gemeinsam voranbringt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

wenn wir auf das vergangene Jahr zurückblicken, überwiegt eine Erkenntnis: Es bleiben unsichere Zeiten. Gewissheiten, die uns als selbstverständlich galten, sind ins Wanken geraten. Unsere politischen Landschaften verändern sich. Neue Momente der Verunsicherung sind hinzugekommen. Das gilt auch für Deutschland.

Doch einige Gewissheiten haben Bestand. Für Deutschland gehört dazu die Fähigkeit, Herausforderungen innerhalb eines stabilen rechtlichen Rahmens zu bewältigen, und die Bereitschaft, unsere Demokratie zu reflektieren und aktiv zu pflegen. Für Deutschland und für unser Verhältnis zu Nordmazedonien gehört dazu auch die feste Verankerung in unseren europäischen Bindungen.

Es gibt jedoch einen Widerspruch in der Art und Weise, wie wir heute auf die Welt blicken. Denn dass die Zeiten unsicher sind, scheint inzwischen selbst zu den wenigen Gewissheiten zu gehören, in denen wir uns eingerichtet haben. Wir haben gelernt, die Welt als „unsicher“ zu beschreiben, und tun dies mit fast schon schlafwandlerischer Sicherheit, die glauben macht, wir hätten die Welt trotz allem verstanden.

Der Schriftsteller Vlada Urosevic fängt diese Spannung auf eine sehr charmante Weise ein. Über einen seiner Romane sagt er zunächst, er habe die ganze Geschichte erfunden. Doch im Laufe der Zeit seien Dinge geschehen, die ihn hätten zweifeln lassen, ob die Geschichte der von ihm erfundenen Familie, eines Apothekers und eines Hauses am Vardar wirklich eine Erfindung sei - oder nicht vielleicht tatsächlich doch die Wahrheit sei. Um seine Fantasie so gut wie möglich in die Realität einzubetten, habe er nämlich eine Bekannte angerufen und ihr die „erfundene“ Geschichte erzählt. Ihre Antwort sei simpel gewesen: Ja, sie kenne die Familie, sie kenne den Apotheker und auch das Haus. Der Schriftsteller zieht daraus eine klare Lehre: Wir können uns nie sicher sein, wo die Grenze zwischen unserer Vorstellungskraft und der wahrhaftigen Wirklichkeit tatsächlich verläuft.

Wir stehen auch vor dem gegenteiligen Problem. Wir verlieren uns in unseren eigenen Erzählungen und laufen Gefahr, unsere Vorstellungskraft mit der Realität zu verwechseln. Vielleicht ist dies eine notwendige Mahnung für unsere Zeit: Wir bilden uns ein, über das vollständige Bild zu verfügen, während wir vor allem das Spiegelbild unserer eigenen Überzeugungen sehen. Ein erfolgversprechender Weg, aus unseren eigenen Echokammern auszubrechen, ist es, die Welt durch die Augen eines anderen zu betrachten. Genau hier setzt Partnerschaft an.

Bei einer Partnerschaft geht es nicht darum, die gleichen Antworten zu haben – es geht um den Mut, sich gemeinsam der Unsicherheit zu stellen und gemeinsam Verantwortung für das zu übernehmen, was kommen mag. Aber Vorsicht: Wenn wir die Vorstellung von Unsicherheit akzeptieren, dann gilt dies auch für die Idee der Partnerschaft selbst. Keine Partnerschaft ist eine Selbstverständlichkeit. Unsere ist keine Ausnahme. Alles, was Bestand haben soll, erfordert Menschen, die bereit sind, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Für mich beruht echte Partnerschaft auf Vertrauen. Und Vertrauen ist kein Gefühl; Vertrauen ist eine Entscheidung. Es ist die Entscheidung, die Hand auszustrecken, selbst wenn das Ergebnis nicht garantiert ist. Es ist die Entscheidung, sich auf eine gemeinsame, zuweilen schwierige Reise einzulassen, in dem Wissen, dass das Ergebnis von beiden Seiten abhängt. Eine Entscheidung, die immer wieder neu zu treffen ist und der Pflege bedarf. Und das wiederum erfordert die Fähigkeit zu hoffen.

Einige von Ihnen schmunzeln vielleicht gerade innerlich über das Wort „Hoffnung“. Vielleicht denken Sie, dass als taktische Instrumente konzipierte politische Allianzen besser zu unsicheren Zeiten passen. In dieser Sichtweise erscheint der Begriff der „Hoffnung“ fast schon anachronistisch. Doch Hoffnung meint nicht einen naiven Optimismus, der darauf baut, dass alles schon gut ausgehen wird. Ich bevorzuge die Perspektive des deutschen Philosophen Ernst Bloch: Seine „konkrete Utopie“ definiert Hoffnung als die Fähigkeit zu handeln. Dies führt dann zu einer Politik der Möglichkeiten – Möglichkeiten, die in der Gegenwart bereits angelegt sind, aber erst durch Handeln Wirklichkeit werden. Bloch hat in seiner eigenen Biographie immer wieder erleben müssen, dass die Zukunft, auf die er gesetzt hatte, anders wurde als erhofft. Aber er bestand bis zuletzt darauf, dass die Geschichte noch nicht fertig geschrieben ist.

Apropos Möglichkeiten: Wir haben im Laufe dieses Tages gelernt, dass die Zukunft tatsächlich gerade jetzt gestaltet wird. Die Nachricht, dass deutsche Wissenschaftler gemeinsam mit einem amerikanischen Kollegen den Nobelpreis für Medizin erhalten haben, ist ein wunderbares Beispiel dafür. Die Durchbrüche in der Optogenetik mögen noch vor wenigen Jahren wie Science-Fiction gewirkt haben – doch heute ermöglichen sie es uns, das lebende Gehirn zu kartieren und Blinden das Augenlicht zurückzugeben. Das beweist, dass das „Unmögliche“ erreicht werden kann, wenn Neugier und Beharrlichkeit Grenzen überschreiten.

Wer im Unfertigen die Möglichkeit zum Gelingen erkennt, der hat einen Ansporn zum Handeln. Haben wir in diesen unsicheren Zeiten noch die Kraft, die Dinge gemeinsam in die Hand zu nehmen? Vielleicht sollten wir nach der Antwort nicht nur in Regierungsgebäuden suchen, sondern in der lebendigen Praxis unserer Gesellschaften. Hier finden wir eine Gestaltungskraft in akademischer Exzellenz – wie etwa in der Gründung des Zentrums für deutsches Recht an der Universität Skopje, das zeigt, dass wir unsere Rechtskulturen aneinander angleichen wollen.

Wir hören sie in der Musik des Westbalkan-Jugendorchesters, in dem junge Menschen zeigen, dass Harmonie möglich ist, selbst wenn die globale politische Welt dissonant klingt. Wir spüren sie in der Herzlichkeit des deutschen Weihnachtsmarktes in Prilep oder in den Begegnungen der Deutsch-Mazedonischen Freundschaftsgesellschaft. Wir fühlen sie im Enthusiasmus junger Menschen, die von Austauschprogrammen zurückkehren und sich in Alumni-Netzwerken für die Fortsetzung der Zusammenarbeit engagieren. Und wir messen sie an der Dynamik, die spürbar ist, wenn mehr als 400 Wirtschaftsvertreter beim Deutsch-Mazedonischen Wirtschaftsgipfel der AHK und der Deutsch-Mazedonischen Wirtschaftsvereinigung zusammenkommen.

Die Liste der Aufzählung ließe sich fortsetzen. All diese Beispiele zeigen: Wir können uns auf die enorme Kraft individuellen Gestaltungswillens verlassen, eine Kraft, die unsere Beziehungen auf ein festes Fundament stellt, das resilienter ist als jedes Abkommen. Es sind Menschen, die unsere bilateralen Beziehungen gestalten, indem sie vorangehen. Diese Energie sollte uns Ansporn sein.

Meine Damen und Herren,

die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 war weit mehr als ein politischer Akt. Sie war das Ergebnis unglaublichen Vertrauens und gemeinsamer Gestaltungskraft. Sie war ein Triumph der Hoffnung über das scheinbar Unmögliche. Mit der Wiedervereinigung wurde unter Beweis gestellt, dass eine Vision, die im Moment ihres Aussprechens utopisch erscheinen mag, durch gemeinsamen Mut und den Willen zu handeln Wirklichkeit werden kann.

Als Deutsche, die in der DDR aufgewachsen ist, kann ich meine Dankbarkeit gegenüber den Architekten unserer Wiedervereinigung kaum in Worte fassen. Ihr Mut hat die Utopie eines vereinten Deutschlands zu meiner Realität gemacht. Ich würde heute nicht hier vor Ihnen stehen, hätten sie diesen Weg nicht eingeschlagen. Heute, im Rückblick, wirkt die Wiedervereinigung Deutschlands fast zwangsläufig, doch zu jener Zeit war sie ein Weg tiefer Ungewissheit.

Es ist klar, dass auch die Europäische Union vollendet werden kann. Nicht irgendwann, nicht in einer fernen Zukunft, sondern morgen. Es liegt in unseren Händen. Alles, was wir brauchen, ist der Mut, diesen Weg einzuschlagen. Lassen Sie uns die Geschichte Europas als eine Praxis gemeinsamer Verantwortung fortschreiben.

Nordmazedonien und Deutschland – in einer Partnerschaft, die gestaltet, die Bestand hat und die uns als Teil eines starken Europas gemeinsam voranbringt.

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