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Gedenken an den Holocaust an den mazedonischen Juden am 11. März 1943

Artikel

Redebeitrag von Botschafterin Drexler anlässlich des Gedenkens an den Holocaust an den mazedonischen Juden am 11. März 1943

(Anreden),

als Vertreterin Deutschlands, als Deutsche, bedeutet mir die Einladung der jüdischen Gemeinde sehr viel, heute hier zu Ihnen zu sprechen und mit Ihnen gemeinsam des Holocausts an den mazedonischen Juden zu gedenken.

Dieses gemeinsame Erinnern ist eine wertgeschätzte Tradition, es ist stets ein bewegender Moment. Denn das Ausmaß an Grausamkeit und Brutalität, das jüdische Familien aus Bitola, Skopje und Stip, im provisorischen Deportationslager in der Tabakfabrik „Monopol“ in Skopje, hier, an diesem Ort erfahren haben, ist auch heute, 83 Jahre später, noch immer unfassbar. Für die meisten von ihnen war es die letzte Station auf dem Weg zu ihrer Ermordung im Vernichtungslager Treblinka.

Das Verbrechen des Holocaust begann nicht erst in den deutschen Todesfabriken. Industrielle Vernichtung stand am Ende des beispiellosen Zivilisationsbruches. An seinem Anfang stand vor allem abgrundtiefer Hass, der Hass Hitlers auf alles jüdische Leben. Um Hass in Vernichtung zu übersetzen, bedurfte es Werkzeuge. Antisemitismus, Ausgrenzung, Propaganda, institutioneller Rassismus und gesellschaftliche Gleichgültigkeit haben dem Ziel der Vernichtung den Weg bereitet.

Wenn wir mit unserem heutigen Wissen auf die Gräuel des Zweiten Weltkrieges zurückschauen, dann tun wir dies auch mit der Frage nach den historischen Verantwortlichkeiten. In Deutschland hallt bis heute der Appell des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker nach, der sein und mein Land, Deutschland, 1985 dazu aufrief, die Vergangenheit anzunehmen. Es ist ein Appell, der Verantwortung einfordert und gleichzeitig anerkennt, dass es Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes nicht gibt: „Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.“

Das entschuldigt nicht. Ganz im Gegenteil, es ist ein Appel an uns alle. Wir dürfen die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Wir müssen den Blick zurück in die dunklen Abgründe der Vergangenheit aushalten, mit all den schauerlichen Gewissheiten, aber auch mit den Leerstellen, den Ungewissheiten und den offenen Fragen, auf die es bis heute keine eindeutigen Antworten gibt.

Zu den Gewissheiten gehört die historische Verantwortung Nazi-Deutschlands für das Menschheitsverbrechen des Holocaust. Wir erkennen diese Verantwortung an in dem Wissen, dass sich Vergangenheit nicht bewältigen lässt, denn Vergangenes lässt sich nicht ungeschehen machen.

Die Vergangenheit anzunehmen bedeutet anzuerkennen, dass wir alle von den Folgen der Vergangenheit betroffen sind. Vergangenheit anzunehmen heißt auch, die Erinnerung wachzuhalten. Wir schulden unser Erinnern all jenen, deren Stimmen unwiderruflich verstummt sind. Wir schulden unser Erinnern auch uns selbst, um uns als Menschen zu schützen vor unserer Anfälligkeit, den Blick von Unmenschlichkeit abzuwenden. Und wir schulden unser Erinnern den Nachfahren, die niemals werden vergessen können, und von denen so viele ihre Hand ausstrecken, um uns teilhaben zu lassen an ihren Erinnerungen.

Sie, liebe Mitglieder der mazedonischen jüdischen Gemeinde, gehören zu denen, die ihre Hand ausstrecken. Ihre ausgestreckte Hand, ihre Einladung zur Teilhabe an Ihrem Erinnern wie an Ihrer Gegenwart, an Momenten der Trauer wie an Ihren Festen ist ein Geschenk, dessen unschätzbarer Wert sich in Worten kaum beschreiben lässt.

Heute verneige ich mich an Ihrer Seite in tiefem Respekt vor den Männern und Frauen, den Mädchen und Jungen, die dem Verbrechen des Holocaust zum Opfer gefallen sind. Ihr Schicksal wird uns Deutschen für immer in Erinnerung bleiben.

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